Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

„Oh du schreckliche, oh du horrormäßige Weihnachtszeit. Und ein völlig anderes Neues Jahr 2019!“

Michelle kann nicht mehr. Sie arbeitet vollzeitig, holt nach der Arbeit ihr Kind aus der Krippe, fährt mit ihm zum Einkaufen. Das Kind schreit, ist überfordert. Kaum ist der Kleine im Bett, muss die Wohnung auf Hochglanz geputzt werden. Es sind noch 4 Tage bis Heilig Abend. Ihr Mann hat darauf bestanden, dass seine Eltern eingeladen werden. Die Einladung ihrer Eltern musste sie ablehnen, da ihr Mann sich weigert die Schwiegereltern zu besuchen. Er sagt, sie seien anstrengend, würden ihn nicht mögen und würden den Kleinen zu sehr verwöhnen. Außerdem sei Michelle wie ausgewechselt, wenn ihre Eltern in der Nähe seien.

Michelle hat noch keine Geschenke besorgt, da sie keine Zeit hatte. Für ihren Sohn hat sie bereits über den Versand ein Spielzeug bestellt, das Gott sei Dank angekommen ist. Aber was soll sie ihren Schwiegereltern und ihrem Mann nur schenken. Das war schon immer ein Problem. Ihr Mann hat sich noch nie über ein Geschenk gefreut. Entweder es war zu billig oder zu teuer, einfallslos oder zu ausgefallen. Die Schwiegereltern sind ebenfalls nie zufrieden. Sie beschließt dem Ehemann einen Gutschein für ein Wochenende seiner Wahl zu schenken, den Schwiegereltern einen Umschlag mit einem Geldgeschenk zu übergeben.

Am Folgetag hat sie sich einen halben Tag frei genommen, um den Christbaum zu kaufen, zu schmücken, die Weihnachtsgans zu besorgen und die vielen kleinen Dinge zu erledigen, die immer anfallen. Abgehetzt holt sie ihren Sohn vom Kindergarten und hat vergessen, dass um 17 Uhr noch die Weihnachtsfeier in der Kita stattfindet.

Ihr fragt euch vielleicht, was Michelles Mann vor den Feiertagen macht? Auch er ist voll im Stress. Als Immobilienmakler, der große und teure Objekte verkauft, kann er sich kurz vor Weihnachten auf andere Aktivitäten stürzen, da die Interessenten mit weihnachtlichen Dingen beschäftigt sind. Der tägliche Besuch im Fitness Studio und die anschließende Wellnessbehandlung nehmen viel Zeit in Anspruch. Schließlich muss er ja gut vorbereitet ins Neue Jahr starten. Friseurbesuch, Kosmetikerin und Fußpflege müssen einfach sein. Dann gibt es noch einige Besuche bei seinen langjährigen Kunden – ein Muss in dieser Branche. Und schließlich sollte er sich mental auch noch auf die anstrengenden Feiertage vorbereiten. Seine Frau macht immer so eine Hektik! Dabei ist es doch die stille Zeit, die wertvollste Zeit im Jahr! Er versteht einfach nicht, warum er eine so unfähige Frau geheiratet hat. Sie wollte sogar ihre Eltern besuchen, um nicht auch noch kochen zu müssen! Abends putzt sie und fällt dann einfach kommentarlos ins Bett. Er versteht einfach nicht, warum sie sich nicht strukturieren kann. Neulich dachte sie sogar über eine Putzfrau nach – was das wieder gekostet hätte! Aber da hat er sehr klar einen Riegel vorgeschoben. Andere Frauen schaffen das auch ohne Putzfrau.

Der heilige Abend ist da. Die Gans ist im Rohr, Blaukraut aus dem Glas verfeinert – jetzt muss sie nur schnell das Glas verschwinden lassen, damit ihr Mann nicht sieht, dass das Kraut nicht selbst gemacht ist! Die Fertigknödel sind im Topf, auch diese Verpackung muss rechtzeitig entsorgt werden! Jetzt noch der Nachtisch. Tiramisu, eines mit, eines ohne Alkohol für die Schwiegermutter, die keinen Alkohol verträgt. Der Baum ist geschmückt, die Wohnung geputzt. „Du schaust aus wie eine Putze, kannst du dich nicht einmal ein wenig herrichten, wenn meine Eltern schon zu Besuch kommen?“ klingt es vorwurfsvoll aus dem Wohnzimmer, wo der Ehemann genüsslich an einem Whiskey schlürft. Es klingelt an der Türe. Michelle schafft es gerade noch die Schürze auszuziehen und sich mit den Fingern durchs Haar zu fahren. Ein Blick in den Spiegel zeigt ihr, dass sie fertig aussieht. Der Kleine beginnt zu weinen. Sie nimmt ihren Sohn auf den Arm und öffnet die Türe. Ihr Mann kommt aus dem Wohnzimmer  gestürzt, schiebt sie zur Seite und begrüßt überschwänglich seine Eltern: „Willkommen in meinem bescheidenen Heim. Michelle ist wie immer nicht fertig geworden und sieht wie eine Putze aus, nehmt es mir bitte nicht übel.“ „Michelle, nimm die Mäntel und hänge sie auf und beruhige endlich dein Kind, man versteht das eigene Wort nicht mehr.“ Michelle wird kühl begrüßt, der Kleine gestreichelt. „Du hättest dem Kind wenigstens die Windeln wechseln können bevor wir angekommen sind. Das Kind stinkt!“

Michelle hängt die Mäntel auf, kümmert sich um den Begrüßungstrunk, wickelt zwischendurch den Kleinen, macht ihm sein Fläschchen. Dann kommt die Bescherung. Die Schwiegereltern haben dem Sohn eine teure Uhr mitgebracht, dem Sohn ein Elektroauto, das er vielleicht in 3 Jahren einmal bedienen kann. Michelle bekommt eine Schachtel Pralinen. „Das ist doch nicht nötig, davon wird sie doch nur dick und unansehnlich,“ meint ihr Mann dazu. Ihre Geschenke werden wahrgenommen und weggesteckt. „Da hast du dir ja mächtig Gedanken gemacht!“ kommentiert der Ehemann die Geschenke. Michelle bekommt einen neuen Staubsauger, der sehr leise saugt, damit sie abends den Mann nicht so sehr stört, wenn sie putzt.

Der Kleine ist im Bett, die Erwachsenen beginnen zu essen. Es erfolgt kein Lob, obwohl es sehr lecker schmeckt. Nicht geschimpft ist Lob genug. Während die anderen nach dem Nachtisch  im Wohnzimmer noch einen Cognac trinken, auch die Schwiegermutter, die plötzlich doch Alkohol verträgt, räumt Michelle den Tisch ab und die Küche auf. Niemand bemerkt, wie sie danach in ihrem Zimmer verschwindet und schlafen geht, weil sie nicht mehr kann. Schließlich ist es ja ihre Pflicht als Hausfrau dafür zu sorgen, dass alle anderen ein schönes Weihnachtsfest feiern können.

An diesem Abend beschließt sie, dass das Jahr 2019 für sie völlig anders verlaufen wird. Sie macht Pläne für ihren Ausstieg aus dem normalen Wahnsinn.

Ein Haus weiter sieht das Leben völlig anders aus:

Vier Tage vor Weihnachten schreit Yvonne: „Hast du an den Weihnachtsbaum gedacht? Wenn du wieder so spät dran bist wie jedes Jahr, werden wir wieder den hässlichsten Baum haben, den die Welt je gesehen hat. Warum kümmerst du dich nicht schon früher darum?“

Michael arbeitet in einer Steuerkanzlei als Buchhalter. Am Ende des Jahres ist immer sehr viel zu tun, er muss teilweise Überstunden machen, um das Arbeitspensum bis zum Heilig Abend zu schaffen. Danach fährt er noch mit dem Einkaufszettel, den ihm seine Frau zusammengestellt hat, zum Einkaufen. Um diese Zeit ist immer viel los in den Läden, so dass er eine Ewigkeit braucht, bis er alles gefunden hat.  Der Wagen ist bis oben hin vollgepackt mit allerlei Delikatessen und Schleckereien. An diesem Abend hat er keine Zeit mehr einen Baum zu besorgen, weil alle Verkaufsstellen bereits geschlossen sind.

„Warum kümmerst du dich nie um dein Kind? Du bist eh den ganzen Tag außer Haus, dann könntest du wenigstens am Abend dein Kind füttern und ins Bett bringen. Aber nein, du treibst dich irgendwo rum, nur damit du mir nicht helfen musst.“

Die Wohnung ist wieder einmal nicht aufgeräumt, zum Putzen ist er in dieser Woche nicht gekommen, weil er so viel erledigen musste. Abends darf er nicht mehr saugen, weil er das Kind aufwecken könnte. Seine Frau Yvonne ist völlig überfordert. Das Kind nimmt sie so in Beschlag, dass sie weder Zeit hat zum Aufräumen, noch zum Kochen, noch zum Putzen. Während Michael den Einkauf einräumt und die Spülmaschine ausräumt, nimmt Yvonne ihr wohlverdientes Entspannungsbad. Ach ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass das Kind ganztags in der Kita ist.

Am Heilig Abend beginnt Michael schon morgens den Baum zu schmücken, danach putzt er noch die Wohnung und räumt auf, wäscht noch eine Maschine Wäsche und beginnt zu kochen. Yvonne hasst kochen. Sie hat es auf der Hauswirtschaftsschule zwar gelernt, aber es hat ihr noch nie Spaß gemacht. Michael hingegen hat immer ausgefallene Rezepte, die er teilweise selber kreiert, um seine Frau zu überraschen.

Endlich ist es so weit. Das Fest kann beginnen. Yvonne schenkt ihm eine Krawatte und Weihnachtssocken. Der Kleine bekommt von beiden Eltern Spielsachen geschenkt. Michael hat sich für seine Frau etwas Besonderes einfallen lassen. Er hat ihr im Juwelierladen einen Anhänger machen lassen, den er selber entworfen hat. Er ist aus Silber, hat die Form eines Baumes und die Blätter sind kleine Diamantsplitter. Er freut sich schon auf die Reaktion seiner Frau. Yvonne öffnet neugierig das Schmuckkästchen und schaut hinein. Sofort verändert sich ihr Gesicht. Sie ist zutiefst enttäuscht. „Du weißt doch, dass ich Silberschmuck nicht mag. Das schaut immer so billig aus, wie wenn du dir nichts Besseres leisten könntest. Du hast mir das ganze Weihnachtsfest verdorben.“ Sie geht und wirft die Türe hinter sich zu. Michael fühlt sich schlecht. Er könnte heulen. Er spielt noch kurz mit seinem Sohn und bringt ihn dann ins Bett, erzählt ihm eine Geschichte und streichelt ihn in den Schlaf.

Er geht zu seiner Frau und bittet sie zum Essen zu kommen. Es ist doch Weihnachten! Stumm sitzen sie beim Abendessen. Es schmeckt köstlich. Nur die Stimmung passt nicht zu dem schön hergerichteten Festtisch. Michael versucht Yvonne umzustimmen, was ihm aber nicht gelingt. Yvonne geht ins Schlafzimmer und sperrt sich ein. Michael schläft auf dem Sofa.

Wie er da liegt überlegt er, wie sein Leben in den letzten Monaten so gelaufen ist. Trauer und Frustration machen sich breit.

An diesem Abend beschließt er, dass das Jahr 2019 für ihn völlig anders verlaufen wird. Er macht Pläne für seinen Ausstieg aus dem normalen Wahnsinn.

Fortsetzung folgt...

2 Gedanken zu „Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

  1. Sonja Tomasek Antworten

    Es ist sehr traurig, wie egoistisch manche Menschen miteinander umgehen.
    Die Welt ertrinkt in Psychopathen. Bin schon gespannt auf die Fortsetzung.

  2. Michael Meudt Antworten

    Gruselig! Wünsche ich keinem, so eine Konstellation. Aber wenn Zahnräder ineinander greifen, entsteht ein System. Wohl dem, der die Kraft hat, daraus auszusteigen. Der Psychopath selbst wird es nicht merken. Allen ein friedliches Weihnachtsfest ohne Verletzungen, Demütigungen und Erniedrigungen. Euch ein Fest der Zuwendung, Empathie und Akzeptanz.

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